Shigura: Die ultimative Hybrid-Bremse für Mountainbikes?
Shigura: Die ultimative Hybrid-Bremse für Mountainbikes?

Shigura: Die ultimative Hybrid-Bremse für Mountainbikes?

In der Welt des Mountainbikens gibt es kaum ein Bauteil, das so kontrovers und leidenschaftlich diskutiert wird wie die Bremse. Während die großen Hersteller Shimano und Magura jeweils eigene Philosophien verfolgen, hat sich in der Custom-Szene ein Hybrid-System etabliert, das die Grenzen der Serienausstattung sprengt: Shigura. Der Name ist ein Portmanteau aus Shimano und Magura und beschreibt die Kombination aus japanischen Bremshebeln (Gebern) und deutschen Bremssätteln (Nehmern).

Ein paar wichtige Fakten vorneweg

Das Internet (und vor allem Youtube) sind voll mit Beiträgen dazu und viele davon mit Halbwissen.

  1. Wenn man keine Ahnung vom Schrauben hat, auf jeden Fall Finger weg von den Bremsen. Auch wenn ich gern erwähne, dass Schrauben am Rad keine Raketenwissenschaft ist, ist einer der wichtigsten Aspekte immer die Möglichkeit das Rad wieder sicher zum Stillstand zu bringen. Alles andere wäre gefährlich und dumm. Darum gebe ich hier auch keine Bauanleitung.
  2. Wenn man der Meinung ist, man müsse umbauen, weil man es nie richtig schafft seine Magura zu entlüften, sollte man meiner Meinung nach lieber lernen, wie man eine Magura MT Bremse richtig entlüftet. Am besten mit einem Tutorial von Magura und nicht mit einem vom Lieblings- Influencer. Dann klappt es auch mit dem Druckpunkt.
  3. Wenn zu hohe Temperaturentwicklung und daraus resultierendes Fading des Druckpunktes die Intention für einen Umbau wären, sollte man zuerst einmal über seine Fahrtechnik nachdenken. Im Profizirkus, sowohl XC als auch DH spielen Komponenten – Mixe, aufgrund der Sponsorenverträge, quasi keine Rolle. Dennoch kommen die meisten auch nach einen Sponsoren, bzw. Teamwechsel meist auch ohne Leistungseinbußen klar.
  4. Natürlich gibt niemand eine Garantie auf einen solchen Komponenten – Mix. Darum kann es auch sein, dass ein Umbau auch keine so gute Idee für dein Jobrad ist. (Besser vorher schlau machen.)

Davon abgesehen gibt es aber die verschiedensten Motivationen für einen Umbau. Ich habe z.B. auf dem XC Rad eine Shigura aus MT8 mit XTR Hebeln. Für viele eine relativ unnötige Kombi, da bei diesem Mix nicht wirklich eine Steigerung der Bremskraft zu verzeichnen ist, dazu wird die Bremse ziemlich digital. Aber ich mag es wenn die Bremse nur 0 und 1 kennt und die Ergonomie der Shimano – Hebel gefällt mir auch. Dazu kam ein ziemlich pragmatischer Grund. Als mir ein MT8 Hebel kaputt gegangen ist, gab es ein Sonderangebot womit beide XTR Hebel das gleiche kosteten wie ein MT8 Hebel.

Um deine Intention zu finden, lasst uns etwas nerdiger in das Thema eintauchen.

Die Philosophie hinter dem Hybrid

Warum sollte man die Garantie zweier namhafter Hersteller opfern, um ein System zu basteln? Die Antwort liegt in den spezifischen Stärken und Schwächen beider Marken:

  1. Magura (Die Faust): Magura-Bremssättel, insbesondere die 4-Kolben-Modelle MT5 und MT7, gelten als Referenz in Sachen roher Bremskraft und Hitzemanagement. Die vier 17-mm-Kolben bieten eine enorme Fläche und eine Standfestigkeit, die selbst im harten Downhill-Einsatz kaum an ihre Grenzen stößt.
  2. Shimano (Das Hirn): Shimano-Bremshebel (z. B. XT oder XTR) werden von vielen Bikern für ihre Ergonomie und die Servowave-Technologie geschätzt. Zudem ist das Entlüftungssystem mit dem charakteristischen Trichter deutlich anwenderfreundlicher als die Prozedur bei Magura.  Bei Servowave ändert sich das Hebelverhältnis während des Ziehens (erst viel Ölfluss, dann viel Kraft). Ohne dieses System ist das Übersetzungsverhältnis über den gesamten Hebelweg linear und hoch.

Das Herzstück: Die Hydraulik und das Übersetzungsverhältnis

Der Erfolg der Shigura basiert nicht auf Zufall, sondern auf Physik. Das hydraulische Übersetzungsverhältnis wird durch das Verhältnis der Kolbenfläche im Geber zu jener im Nehmer bestimmt.

Shimano-Geber sind darauf ausgelegt, genug Öl zu verdrängen, um entweder zwei große 22-mm-Kolben oder die asymmetrische 15/17-mm-Kombination der Shimano-4-Kolben-Sättel zu bewegen. Wenn man diesen Hebel nun mit einem Magura-Bremssattel koppelt, der über vier 17-mm-Kolben verfügt, vergrößert sich die Nehmerfläche signifikant. Das Ergebnis ist eine spürbare Steigerung der mechanischen Übersetzung: Bei gleicher Fingerkraft am Hebel wird am Bremssattel deutlich mehr Druck auf die Beläge ausgeübt. Da Magura 2-Kolben Sättel auch 22mm Kolben haben, bleibt bei der Kombi mit MT6 oder MT8 die Kraftsteigerung aus. Lediglich die Nutzung des XTR Race (M9100) ohne Servowave-Technologie macht die Bremse digitaler.

Die Komponenten im Detail: Wer passt zu wem?

Bei der Auswahl der Komponenten gibt es klare Favoriten und Kombinationen, von denen Experten abraten.

  • Der Performance-König (XTR + MT7): Die Verwendung von Shimano XTR-Gebern (Modell BL-M9120) zusammen mit Magura MT7-Sätteln ist die „Speerspitze“. Die XTR-Hebel bieten höchste Materialgüte und eine extrem präzise Lagerung. In Verbindung mit den MT7-Sätteln, die über vier Einzelbeläge verfügen, entsteht ein System mit maximaler Hitzebeständigkeit und brutalem Biss.
  • Die Vernunft-Lösung (XT/SLX + MT5): Technisch kaum schwächer, aber preislich deutlich attraktiver ist die Kombination aus XT-Gebern und MT5-Sätteln. Da der MT5-Sattel die gleiche Kolbenarchitektur wie der MT7 besitzt (lediglich die Belagskonfiguration ab Werk variiert), erhält man hier das beste Preis-Leistungs-Verhältnis.
  • Die XC-Variante (XTR + MT8): Diese Kombination ist selten. Da der MT8-Sattel ein 2-Kolben-System ist, bietet er nicht den massiven Kraftzuwachs der 4-Kolben-Varianten. Hier steht lediglich die Gewichtsersparnis im Vordergrund.

Bremsbeläge und Reibfläche

Ein oft unterschätzter Faktor ist die Belagsfläche. Magura 4-Kolben-Systeme nutzen entweder vier Einzelbeläge (Typ 8) oder zwei Doppelbeläge (Typ 9). Die Fläche ist hierbei deutlich größer als bei klassischen Shimano 2-Kolben-Belägen. Dies führt dazu, dass die Wärmeenergie, die beim Bremsen entsteht, auf mehr Material verteilt wird. Shigura-Nutzer greifen oft zu den Magura 8.P (Performance) Belägen, um die Dosierbarkeit der Shimano-Hebel mit der Bissigkeit der Magura-Sättel zu krönen.

Kosten und Realität

Ein Blick auf die Preise (UVP Stand Anfang 2026) zeigt, dass Shigura kein Billig-Projekt ist:

  • Ein MT7-Sattel schlägt mit ca. 110 € zu Buche.
  • Ein XTR-Geber kostet rund 145 €.
  • Zuzüglich Leitungen, Mineralöl und Kleinteilen landet man pro Bremse bei über 260 €.

Zum Vergleich: Ein komplettes Shimano XTR-Set oder ein Magura MT8 SL-Set liegt in ähnlichen Regionen (ca. 280 € UVP pro Seite). Der Umbau lohnt sich also vor allem für Fahrer, die bereits Teile besitzen oder keine Kompromisse bei der Performance eingehen wollen.

Ein preislicher Vergleich mit einem MT7 Set ist nicht repräsentativ, da die MT7 Pro bei Magura seit Wiedereinführung der Gustav nicht mehr die Highend Bremse ist. Die MT7 Raceline gibt es nicht mehr, wäre aber der passendere Vergleich.

Und der Vollständigkeit halber: Ein Shigura mit Gustav Sattel wäre zwar technisch möglich, aber unsinnig. Mit den 19mm Kolben der Gustav wäre wohl auch der Hebelweg zu lang.

Fazit: Für wen ist Shigura geeignet?

Shigura ist keine Bremse „von der Stange“. Es ist eine Lösung für Individualisten, die einen knackigen Druckpunktminimale Bedienkräfte und maximale Standfestigkeit suchen. Man muss sich jedoch bewusst sein, dass man sich im Bereich des „Custom-Engineerings“ bewegt: Die Garantie erlischt, und das System erfordert bei der Montage Sorgfalt (insbesondere beim Mischen von Shimano-Oliven und Magura-Leitungen).

Wer jedoch einmal das Gefühl erlebt hat, mit nur einem Finger spielend leicht das Hinterrad zu blockieren oder aus hohen Geschwindigkeiten punktgenau zu verzögern, wird selten zum Seriensystem zurückkehren.